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Bewegungsempfehlungen

Die aktuelle Forschung befasst sich damit, in welchem Umfang und mit welcher Intensität Tumorpatienten körperlicher Aktivität nachgehen sollten. Die Forschungsgruppe um Initiates file downloadC. M. Ulrich hat 2012 eine Reihe von potentiellen Wirkmechanismen zusammengestellt, durch welche körperliche Aktivität auf die unterschiedlichen Tumorentitäten wirken kann. So hat beispielsweise die körperliche Aktivität bei Brust- oder Prostatatumoren einen Einfluss auf die Sexualhormone.

Das American College of Sports Medicine hat 2011 neue Richtlinien herausgebracht, an denen sich Erwachsene für ein gesundes Maß an Bewegung und Aktivität orientieren sollen. Die allgemeine Empfehlung lautet bei moderater Intensität ≥ 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, bei hoher Intensität ≥ 75 Minuten.

Die Empfehlungen umfassen die vier motorischen Hauptbeanspruchungsformen Ausdauer, Krafttraining, Beweglichkeit und Koordination (Opens external link in new windowAmerican College of Sports Medicine, 2011):

Ausdauer

Ausdauertraining bringt bei regelmäßiger Ausführung zahlreiche positive Effekte mit sich. Die Atmung wird ökonomischer und kräftiger und fördert insgesamt eine bessere Durchblutung, da bei Belastung über die Blutbahnen der Sauerstoff in die Muskelzellen transportiert wird. Auch das Herz arbeitet ökonomischer und langfristig kann durch ein aerobes Ausdauertraining die Senkung des Blutdrucks bzw. des Ruhepulses erreicht werden. Durch die körperliche Aktivität wird jedoch auch die Durchblutung des Gehirns gesteigert, was in eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit resultiert. Durch das Training und die koordinative Beanspruchung des Körpers wird auch die Verknüpfung der Gehirnzellen erhöht. Des Weiteren profitiert auch der Stoffwechsel vom Ausdauertraining. So können beispielsweise die Werte für Triglyceride, das „schlechte“ LDL-Cholesterin und die Insulinmenge reduziert werden. Auch auf die Psyche kann sich das Ausdauertraining positiv auswirken. Das „Glückshormon“ Serotonin wird erhöht, während die Stresshormone Adrenalin und Cortisol verringert werden. Dadurch verbessert sich auch die Stresstoleranz und die die allgemeine Belastbarkeit wird somit erhöht.  Auch die Selbstwahrnehmung kann verbessert oder auch Depressions- und Angstzustände gelindert werden.

Besonders als Einstieg ist es gut geeignet, zumal es praktisch überall durchführbar ist. Ob durch die Nachbarschaft, auf dem Sportplatz oder in nahegelegenen Parks oder Wäldern, es findet sich für jeden eine geeignete Strecke. Wichtig ist es jedoch langsam einzusteigen und sich nicht zu überlasten, wenn man länger kein Ausdauertraining absolviert hat.

  • 150 Min. moderate Intensität pro Woche.
  • Entweder 5x wöchentlich 30–60 Min. moderate Intensität oder 3x wöchentlich 20–60 Min. intensives Training.
  • Die Trainingseinheit kann durchgehend ausgeführt werden oder in mehrere Abschnitte aufgeteilt werden. Diese sollten jedoch nicht kürzer als 10 Min. sein.
  • Um den Körper schonend an die Bewegung zu gewöhnen und Verletzungen vorzubeugen, sollte auf einem leistungsgerechten Level begonnen und anschließend schrittweise erst der Umfang und danach auch die Intensität gesteigert werden.

Krafttraining

Krafttraining bietet u.a. die Möglichkeit, die physische Leistungsfähigkeit zu steigern und Erschöpfungszuständen entgegenzuwirken. Dadurch lassen sich auch therapiebedingte Nebenwirkungen besser in den Griff bekommen und Alltagssituationen wieder leichter bewältigen, die vorher durch fehlende Kraft und/oder Erschöpfung unmöglich erschienen. Auch das Verletzungsrisiko bei Stürzen lässt sich durch gezieltes Krafttraining reduzieren. Allgemein spielt es vorerst keine große Rolle, ob Sie mit Eigengewicht, kleineren Handgeräten (Kleinhanteln) oder an Geräten (wie im Fitnessstudio) trainieren. Dies entscheidet sich zunächst nach der Verfügbarkeit.

  • Erwachsenen wird empfohlen jede Muskelgruppe an 2–3 Tagen pro Woche durch verschiedene Übungen und/oder mithilfe von Trainingsgeräten zu kräftigen.
  • Älteren Menschen bzw. bisher eher inaktiven Personen wird beim Trainingsbeginn eine sehr leichte bis leichte Trainingsintensität empfohlen.
  • Es sollten 2–4 Sätze pro Übung durchgeführt werden.
  • 8–12 Wiederholungen pro Satz verbessern die Muskelkraft, 10–15 Wiederholungen pro Satz verbessern die Kraft im mittleren bis älteren Lebensalter zu Trainingsbeginn, 15–20 Wiederholungen pro Satz werden empfohlen, wenn die Kraftausdauer trainiert werden soll.
  • Erwachsenen wird eine Pause von 48 Stunden zur Regeneration zwischen den Krafttrainingseinheiten empfohlen.

Beweglichkeit

Eine Tumorerkrankung bringt häufig eine vermehrte Inaktivität und lange Sitzzeiten mit sich. Übungen zur Beweglichkeit lassen sich jedoch auch bei einer geringeren Leistungsfähigkeit ohne Probleme durchführen und sind Zuhause, im Krankenhaus oder während der Rehamaßnahme jederzeit möglich. Durch gezielte Übungen können Sie Alltagssituationen, wie beispielsweise sich die Schuhe zu binden, wieder besser meistern.

  • 2–3 Tage pro Woche
  • Die Dehnung sollte zwischen 10–30 Sekunden bis zum Punkt der Anspannung oder des Unwohlseins gehalten werden.
  • Die Dehnung einer Muskelgruppe sollte 2–4x wiederholt werden, sodass sie jeweils 60 Sekunden gedehnt wurde.
  • Alle Arten des Dehnens (u.a. statisch oder dynamisch) werden als effektiv angesehen.
  • Beweglichkeitstraining ist am effektivsten, wenn der Muskel aufgewärmt ist und wird deshalb nach leichten Ausdauereinheiten oder einem warmen Bad empfohlen.

Koordination

Auch die Koordination lässt sich überall schulen. Mit einfachen Übungen in kurzen, aber regelmäßigen Einheiten lassen sich bereits Fortschritte erzielen. Besonders bei Patienten mit Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie (u.a. Taubheitsgefühlen in Händen und/oder Füßen) ist das Koordinationstraining ein wichtiger Bestandteil in der Therapie dieser Nebenwirkung. Aber auch als Sturzprophylaxe von älteren Patienten sowie Patienten mit einem höheren Osteoporoserisiko hat Koordinationstraining einen hohen Stellenwert.

  • Das Training soll motorische Fähigkeiten (Balance, Beweglichkeit, Koordination und Gangschule), propriozeptives Training und vielseitige Aktivitäten (Tai Chi oder Yoga) enthalten. So wird ein funktionales Training gewährleistet und zur Prävention von Stürzen bei älteren Patienten beigetragen.
  • 2–3x pro Woche.
  • Die Dauer sollte 20–30 Min. pro Einheit betragen.

Sicher fragen Sie sich jetzt, welche Übungen Sie konkret für die Bereiche Kraft, Beweglichkeit oder Koordination in ihr Trainingsprogramm übernehmen sollen. Davon möchten wir an dieser Stelle absehen, da dieses Trainingsprogramm individuell auf Sie persönlich abgestimmt sein sollte. Dies geht jedoch nur, wenn wir Ihre gesamte Krankheitsgeschichte, ihre sportlichen Vorerfahrungen und Sie selbst in einem persönlichen Gespräch kennenlernen durften.  Unter der Rubrik „Beratung und Anfahrt“ finden Sie die entsprechenden Kontaktdaten.

Bewegungsformen

Auf die Frage, welche Bewegungsarten für Sie besonders empfehlenswert sind, gibt es keine eindeutige Antwort. Wichtig ist vor allem, dass Sie Spaß an der Bewegung haben und diese gerne ausführen. Wenn Sie sich gerne in der Natur aufhalten, sollten Sie sich beispielsweise für eine Nordic-Walking oder Laufgruppe entscheiden, wenn Sie den Schnee lieben, sind Sie im Winter beim Langlaufen gut aufgehoben und wenn Sie eine Wasserratte sind, planen Sie sich regelmäßige Einheiten im Hallen- oder Freibad ein. Wichtig ist auch, dass Sie sich im Rahmen der oben genannten Bewegungsempfehlungen langsam wieder an die körperliche Aktivität heransteigern und alters- sowie leistungsgerecht trainieren. Wenn Sie längere Zeit eher inaktiv waren, bauen Sie das Maß an körperlicher Aktivität langsam wieder auf und nähern Sie sich langsam den oben genannten Bewegungsempfehlungen an.

 

Geeignete Bewegungsformen

Wenn Sie sich beim Durchlesen der o.g. Empfehlungen fragen, wie Sie die vielen Bewegungseinheiten unterbringen sollen, können wir Sie beruhigen. Die oben genannten Hauptbeanspruchungsformen lassen sich sehr gut kombinieren. Gehen Sie beispielsweise eine Runde Walken oder Joggen und Dehnen sich anschließend, haben Sie bereits die Punkte Ausdauer und Beweglichkeit untergebracht. Sportarten wie Tanzen oder Schwimmen enthalten sehr viele koordinative Elemente, genauso wie Skilanglauf oder auch Radfahren.

Jedoch muss es nicht immer eine groß geplante Bewegungseinheit sein. Auch der Gang zum Bäcker oder in den Supermarkt, das Treppensteigen zur Wohnung oder das Radfahren zur Arbeit oder um Erledigungen zu machen sind gute Wege, um mehr körperliche Aktivität in den Alltag zu integrieren. Hierzu zählen auch Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Tätigkeiten im Haushalt.

Sind Sie beispielsweise Mitglied in einer Rehabilitationssportgruppe, an der Sie einmal wöchentlich teilnehmen, und kombinieren dazu 2-3 Einheiten an Radfahren, Schwimmen oder Yoga, etc. und nutzen statt dem Aufzug die Treppen, sind Sie bereits sehr gut aufgestellt. Jedoch keine Sorge, wenn Sie merken, dass Ihnen dieses Pensum (noch) zu viel ist. Versuchen Sie individuell nach Ihren Möglichkeiten körperlich aktiv zu sein und überfordern Sie sich nicht. Wenn Sie unsicher sind, wie viel Sie schon leisten können oder in welcher Form Sie aktiv werden sollen, wenden Sie sich an Ihren behandelnden Arzt oder noch besser an eine professionelle Beratungsstelle, wie die Sprechstunde für "Sport und Krebs" am Präventionszentrum (Opens external link in new windowKontakt). Es ist wichtig, dass die Auswahl der Bewegungsform individuell angepasst ist und Faktoren wie die Diagnose, das Stadium der Erkrankung, die Behandlungsphase, Nebenwirkungen und Begleiterkrankungen mit in die Planung der körperlichen Aktivität einbezogen werden.

Unter diesem Punkt sind einige Bewegungsformen aufgelistet, welche generell als unbedenklich einzustufen sind – immer unter der Voraussetzung, dass die körperliche Aktivität ärztlich abgeklärt und ggf. fachgerecht begleitet wird.

  • Walking / Nordic Walking

  • Krafttraining an Geräten (unter fachlicher Anleitung)

  • Laufen, Jogging

  • Tanzen

  • Schwimmen u. Wassergymnastik

  • Treppensteigen

  • Fahrradfahren

  • Skilanglauf

  • Tai-Chi, Qi-Gong, Yoga

  • (Berg-) Wandern

(Baumann & Schüle, 2008)

 

Was sollte man als Patient beachten?

Besonders bei therapiebedingten Nebenwirkungen bzw. -erkrankungen wie Operationen und Narben, einem Stoma (künstlicher Darmausgang) oder einer Knochenmetastasierung ist eine sorgfältige Abklärung notwendig. Diese stellen aber kein reguläres Hindernis dar, sondern müssen in der Bewegungsplanung besonders berücksichtigt werden.

Es gibt eine Reihe von Sportarten oder Bewegungsformen, die häufig als nicht geeignet oder bedenklich eingestuft werden. Dazu gehören Sportarten mit intensivem Körperkontakt und hohem Wettkampfcharakter, z.B. Kampfsport, aufgrund eines möglichen höheren Verletzungsrisikos. Des Weiteren gehören Bewegungsformen dazu, die Überlastung und Stürze begünstigen (z.B. bei Patientinnen mit Osteoporoserisiko) sowie ruckartige oder reißende Bewegungen und Übungen mit zu schweren Gewichten. Patienten mit Lymphödemen wird zudem von der Ausführung hauptsächlich statischer (isometrischer) Übungen abgeraten. Jedoch bedeutet dies nicht, dass solche Sportarten und Bewegungsformen gar nicht ausgeführt werden dürfen, sondern vielmehr, dass darüber in jedem Einzelfall sorgsam beraten werden muss.

Zu diesem Thema hat das NCT Heidelberg eine umfassende und leicht verständliche Broschüre herausgebracht, anhand welcher sie sich noch detaillierter informieren können.

Medizinische Kontraindikationen

Generell ist körperliche Aktivität in jeder Phase einer Tumorbehandlung, d.h. vor der Operation, im Krankenhaus, während der Chemotherapie und/oder Bestrahlung sowie in der Rehabilitation möglich und empfehlenswert. Um Inaktivität und zu lange Sitzzeiten zu vermeiden, sollte auch die körperliche Aktivität im Alltag gesteigert werden. Hierbei gilt jedoch immer die Vorgabe sich nicht zu überlasten, schweres Heben oder Tragen (aufgrund von möglicher Pressatmung) zu vermeiden und bei stärkeren Schmerzen das Training abzubrechen.

Des Weiteren gibt es wichtige medizinische Indikationen, bei denen KEIN Training mehr durchgeführt werden sollte:

  • Tage, an denen kardio- oder nephrotoxische Chemotherapeutika verabreicht werden

  • Akute Blutungen oder starke Blutungsneigung

  • Thrombozyten < 10.000 /μl Blut

  • Hämoglobin unter 8 g/dl Blut

  • Übelkeit oder Erbrechen

  • Starke Schmerzen

  • Bewusstseinseinschränkungen

  • Verwirrtheit

  • Kreislaufbeschwerden oder Schwindel

  • Fieber > 38C°

  • Starker Infekt

(Baumann & Schüle, 2008)